Eisenbahngeschichte

Jede Eisenbahn braucht eine Geschichte. Bei der „echten“ Bahn ist das einfach – die Geschichte wird von der Zeit und den Menschen geschrieben. Bei einer Modellbahn muss der Modellbahner die Geschichte „schreiben“, sonst ist seine Anlage irgendwann eine Aneinanderreihung von Schienen mit Zügen, die einfach nur ziellos im Kreis fahren.

Der große Vorteil bei der Geschichte einer Modellbahn ist aber, dass man die Geschichte den Gegebenheiten anpassen kann und wenn sich im Laufe der Zeit zeigt, dass noch etwas geändert werden muss, kann diese Geschichte umgeschrieben werden ohne dass man schief angeguckt wird. Und was noch besser ist: die Tatsachen können an der Geschichte orientiert werden – dabei dürfen gerne mal geschichtliche Begebenheiten aus der realen Welt etwas verschoben werden und mit geografischen Abhängigkeiten muss man es auch nicht allzu eng sehen solange das Gesamtbild stimmt.

 

Vor diesem Hintergrund habe ich mir in den letzten Wochen einige Gedanken gemacht, wie denn die Geschichte meiner Modellbahnanlage aussehen soll, welche Züge da später einmal von wo nach wo fahren und wie das ganze in einen sinnvollen Kontext passt um daraus auch eine Modellbahnwelt zu gestalten:

Wir schreiben das ausgehende 20. / beginnende 21. Jahrhundert – aus der Deutschen Bundesbahn wurde die Deutsche Bahn AG, das H/V-Signalsystem wird langsam durch das Ks-Signalsystem ersetzt und elektronische Stellwerke ersetzen sukzessive die klassischen Relaisstellwerke, der Fuhrpark wird moderner und bunter – der Modellbahner spricht hier von der Modellbahnepoche V. Der Vorteil dieser Zeitperiode: ohne anachronistisch zu sein, kann ich Bilder „meiner Kindheit“ nachbilden, so kann ich z.B. die inzwischen ausgemusterte Baureihe 103 oder „Silberlinge“ genauso einsetzen wie aktuell noch rollendes Material wie Doppelstockwagen und moderne Triebzüge.

Während ich mich also bei der Technik und den Zügen noch gut am Original orientieren kann, ist bei der geografischen Verortung der Anlage sehr viel Phantasie im Spiel und hier müssen so manche realen Tatsachen ein wenig verbogen werden: die geplante Anlage wird einige „gebirgige“ Elemente enthalten um Wendeschleifen zu kaschieren und die Übergänge zwischen verschiedenen Modellwelten zu gestalten. Stellen wir uns also eine Landschaft im Süden Deutschlands vor … eine Eisenbahnstrecke, sagen wir einmal zwischen München und Stuttgart, aber eben in unmittelbarer Nähe zu den Alpen. Vorteil einer solchen Strecke: durch die Nähe zur Grenze bieten sich auch internationale Züge an, die das Bild noch ein wenig bunter gestalten.

 

Im Mittelpunkt der Anlage steht ein fünfgleisiger Bahnhof. Die oben genannte Bahnstrecke kommt hier rechts über den Boden von „Stuttgart“ und führt über die Gleise 3 und 4 durch einen alten Bahntunnel nach „München“. Im Bahnhof zweigt dann auf Gleis 5 noch eine eingleisige Strecke, ebenfalls durch einen alten Bahntunnel, in die nähere Umgebung (einen anderen Anlagenteil) ab. Die Gleise 1 und 2 sind neueren Datums und führen – ebenfalls durch einen Tunnel – nach „Österreich“, wobei hier sicher auch einmal Züge aus der Schweiz oder Italien auftauchen könnten… „München“, „Stuttgart“ und „Österreich“ stehen hierbei für drei Schattenbahnhöfe, die die entsprechenden Züge beherbergen.

Der Modellbahnbetrieb hier wird also eher einem Standard-Schema ähneln … es fahren regelmäßig Nahverkehrszüge von und nach „München“ und „Stuttgart“ durch oder zweigen in Richtung der anderen Anlagenteile ab; ab und an verirrt sich auch mal ein Fernverkehrszug hierher (evtl. wegen einer Streckensperrung auch mal ein ICE?), dazu dann noch der eine oder andere internationale Zug, der dann natürlich aufgrund der Grenzabfertigung etwas längeren Aufenthalt hat. Zwischendrin fährt sicher auch noch mal der eine oder andere Güterzug durch…

Für den „Spielbetrieb“ oder als Herausforderung für die Steuerungsprogrammierung bietet sich hier das Stumpfgleis in Verlängerung von Gleis 5 an – hier können Züge zu den anderen Anlagenteilen zwischendurch abgestellt und wieder eingesetzt werden. Ferner ergibt sich aufgrund der Eingleisigkeit der Strecke zum anderen Anlagenteil und der gegebenen Weichenstraße in der Bahnhofseinfahrt, dass Zugfahrten von Gleis 5 nach „Stuttgart“ im Gleiswechselbetrieb auf dem Gegengleis geführt werden müssen bis eine weitere Weichenkombination die richtige Fahrtrichtung wieder herstellt.

Die Gleise dieses Abschnitts sind selbstverständlich elektrifiziert und im Bahnhof ist das H/V-Signalsystem gut ausgebaut vertreten. Die Strecken nach „München“ und „Österreich“ sind ja quasi kaum vorhanden, da sie nach dem Ende des Bahnhofs schon im Tunnel Richtung Schattenbahnhof verschwinden, aber die Strecke nach „Stuttgart“ verläuft als kleine Paradestrecke um den Bahnhof herum und verschwindet im dritten Anlagenteil dann ebenfalls in einem Tunnel Richtung Schattenbahnhof. Diese Strecke befindet sich gerade in einer Modernisierung – hier werden bereits erste Ks-Signale eingesetzt, die Holzschwellen der Gleise durch Betonschwellen ersetzt und moderne Sicherungssysteme aufgebaut.

 

Um den zweiten Anlagenteil in die Geschichte zu integrieren und dort auch ausreichend Gleisanlagen für einen wirklichen Spielbetrieb zu rechtfertigen, nehmen wir einmal an, dass diese eingleisige Nebenstrecke früher einmal nach Österreich geführt hat aber aufgrund einer Neubaustrecke (jetzt Gleise 1 und 2 des obigen Bahnhofs) aufgegeben und zurückgebaut wurde. Geblieben ist dort neben dem Bahnhof (jetzt einem Kopfbahnhof) ein kleiner Rangierbahnhof und ein Bahnbetriebswerk samt Drehscheibe und Ringlokschuppen. Früher wurden hier die Lokwechsel vor dem Grenzübertritt durchgeführt und Züge ggf. neu zusammengestellt. Heute sind die Anlagen weitgehend zurückgebaut – der Rangierbetrieb versorgt noch einige ortsansässige Betriebe und das Betriebswerk nutzt jetzt ein privates Eisenbahnverkehrsunternehmen für die Verbindungen in die Berge (dritter Anlagenteil), samt historischem Bahnbetrieb mit Dampflokomotiven.

Für den Modellbahnbetrieb bietet sich hier das Thema eines Kopfbahnhofes an, in dem Regionalzüge aus „Stuttgart“ enden, Kopf machen und über den ersten Anlagenteil wieder nach „Stuttgart“ zurückfahren. Einzelne Züge könnten dann auch weiterfahren in Richtung des dritten Anlagenteils und z.B. Touristen zum Urlaub in die Berge bringen – gemischt mit dem Betrieb des oben genannten EVU, der die drei Anlagenteile mittels Triebwagen oder Dampfzügen verbindet und ab und an auch mal in die fernen Städte fährt, ergibt sich dann ein buntes Bild rund um diesen Kopfbahnhof.

Für den Spielbetrieb oder als Herausforderung an die Automation gibt es hier genug Möglichkeit, sich auszutoben. Aufgrund des Kopfbahnhofs müssen dampfbespannte Züge hier die Lok umsetzen. Hierbei kann auch über das Betriebswerk die Lok ausgewechselt werden etc., ferner könnten Triebwagenzüge hier über das BW zu Doppeltraktionen zusammengestellt oder wieder getrennt werden . Und der Rangierbahnhof mit den Anschlüssen zu örtlichen Betrieben rundet die Möglichkeiten des „manuellen“ Spielens dann gänzlich ab (während auf den anderen Anlagenteilen ggf. ein automatisierter Betrieb im Hintergrund läuft).

Bis auf die Strecke zum ersten Anlagenteil ist dieser Anlagenteil nicht elektrifiziert. Aufgrund des massiven Rückbaus seit dem Bau der Neubaustrecke sind die übrigen Anlagen kaum modernisiert worden.  Auch das private EVU muss sparen und nutzt daher, was vorhanden war und ist – man findet hier also viele H/V-Signale und vereinzelt auch noch Formsignale und Schilder des Bahnbetriebs der Epochen III und IV.

 

Der dritte Anlagenteil bildet zum einen die Hintergrundkulisse für die ersten beiden Teile, bietet Platz für die im zweiten Teil angesprochenen, per Bahn angeschlossenen, Betriebe (hier nicht dargestellt) und zu guter letzt noch einen kleinen Kopfbahnhof im Bergland. Von hier aus werden die umliegenden Dörfer angebunden und über eine Seilbahn auch direkt eine Verbindung „in die Berge“ geschaffen.

Die Züge aus den ersten beiden Abschnitten können bis hierhin weitergeführt werden (zumindest wenn sie als Wendezug ausgelegt sind). Der begrenzte Raum (sowohl was die Länge der Gleise aber auch deren Anzahl angeht) und das gemischt nutzbare mittlere Gleis (Personen- und Güterverkehr) bietet hier einiges an Möglichkeiten, ggf. auch mit einem entsprechenden Rangierbetrieb aus dem zweiten Anlagenteil.

Die wenigen Signale und Einrichtungen dieses Abschnitts sind aufgrund ihrer geringen Bedeutung für den Bahnverkehr über Jahrzehnte nicht modernisiert worden. Hier kommen also ausschließlich Formsignale zum Einsatz, Weichen werden ggf. noch per Seilzug umgestellt, etc. Moderne Technik und Elektrifizierung Fehlanzeige.

 

Wie eingangs erwähnt: mit ein bisschen Verbiegen von geschichtlichen und geografischen Fakten lässt sich so auf verhältnismäßig kleinem Raum eine Spielwelt schaffen, die sowohl ein abwechslungsreiches Bild der Eisenbahn zeichnet und zugleich Raum zum „Spielen“ bietet ohne dass man eine unrealistische Gleiswüste vor sich hat oder Züge einfach nur im Kreis fahren.

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